Seite 2. Berliner Tageblatt. 9tr. 33S. Mittwoch, 2R. Juli. JeMilche Jages-Zlebersicht. WerUu, 21. Juli. * Wie wir schon in der gestrigen Abendausgabe als wahrschein lich angekündigt, hat min der „Staatsanzeiger" endlich das vom 14. Juli aus Schloß Mainau dalirte Gesetz betresfend Ab änderungen der kircheupolitischeii Gesetze veröffentlicht. Ob das mimmhr rechtskräftig gewordene Gesetz sofort eilte bcdeuteude praktische Wirkung ausüben wird? Vo» keinem eivzige» Artikel ist dies z» erwarten; die meisten werden vorläufig überhaupt nicht iu Wirksamkeit treten. Eine der am meisten besprochenen und ange fochtenen Bestimmungen des neuen Kirchengesetzes war Artikel ü, welcher von deu Strafvorfchristen geistliche Amtshandlungen befreit, die von gesetzmäßig angestellte» Geistlichen in erledigten Pfarreien, ohne die Absicht, dort dauernd ein geistliches Ami zu übernehmen, vorgenommen werden. Daß damit au dem schon jetzt bestehenden Rechlsznstand garnichts geändert wird, beweist wieder ein Gerichts- fall aus Fürsteuberg, Kreis Büre», über den die „Germania" sol- gcndermaße» berichtet: Vor d.iu hiesigen SchöffengerWe stand der Llaplau Kotthoss, HauS- geistlicher des Grafen v. Weflpliiücn zu Schloß Laer bei Niefchede, unter der Antlcige, durch Lfen der Messe, Predigen und Spendnng der Sakra mente in der Pfarrkirche der verwaisten Gemeinde Fürstcnlicrg nnbefngt geistliche AintShaiidlniigen vorgeiioniinen zu haben. Der erste Staats- anwatt am Landgericht zu Paderborn war znr Vertre'nng der Anklage peisöiilich erschienen und stetUe deu Antrag, auf Grnnd des ^ Ä des (Ge setzes vom -'t. Mai jeoeii Fall mil 6 Aiark zu destrafen. Der Au geklagte führte feme Äeriheidignng selbst. Dns Urtheil lautete auf Frei sprechung, weil b.r Angeklü^ie i.achqewicfeu, d.isi er ein Aeictzmägig ange- fi.ücer <.)^stnch>r und loinit zur Vornahme iu Rede ftel/ender Amtehand- tungeu auch außerhalb seiueS tvkateu Aiut< kreise» tu verwaisteu Pfarreieti besagt sei. Einzelne Gerichte halten allerdings in analogen Fällen anders entschieden, und eben darum mnßte'cS im Interesse einer überein- stiuimeudcu Rechtsprechung wtuischeitswerth sein, eine ciutheittischc Interpretation der bezüglichen Ge^tzeobestimmnngen zu gebe», wie sie unu iu dein neuen Gesetz vorliegt. Sowohl die Regierungs vorlage als die konservativen itiio nlträmontanen Anträge waren in dieser Beziehung bekanntlich viel weiter gegangen. Wie der Artikel schließlich durch die Bemühungen der NaiioualUberaleit zu Staude gekommen ist, enthalt er, wie mau sieht, nichts als die Uwrstellnug einer auch der Falschen Gesetzgebung zn Grunde liegenden und von den Gerichten meistens auch jetzt schon anerkannten Rechts- anschanung. * An Stelle des Herrn v. Sybel, welcher bekanntlich sein Mandat niedergelegt hat, soll Herr Tr. LaSker als Kandidat siir das Abgeordnetenhaus iu Magdeburg aufgestellt werden. Ob gleich wir oft geling Gelegenheit hatten, Herrn Lasker wegeu seiner politischeu Haltung anzugreifen, so würden wir doch sehr gern sehen, wen» Lasters eminente Kraft dem preußischen Abgeordnetenhause wiedergewonnen würde; ganz besonders, wenn Herr Laskcr die Lücke aiissüllte, die Herr v. Sybel allezeit gelassen hat, selbst als er noch im Abgeordnetenhause saß. Wenn die politisch-einflußreichen Männer ans Magdeburg die Kandidatur Lasters hiureicheud uulerstützeu, so ist an oessen Wahl nicht zu zweifeln. Sollte jedoch iu Magdeburg die Strömung Oberhand behalten, welche immer mehr und mehr nach rechts gedrängt hat, so würde das nach unserer Ueberzeugung sür die Nationalliberalen verhängnißvoll sein, weil dann bei den nächsten allgemeinen Wahlen die Mißstimmung in viel schärferer Weise sich geltend machen würde, als cS bei einem vorsichtigen Einlenken der Fall wäre. Bei diesem Anlaß wollen wir der vielverbreiteten Annahme entgegentretet!, als ob Herr Lasker der ucuionalliberale» Partei nicht mehr angehöre. Herr Lasker ist nur ans der uational- tiberalen Fraltio» ausgeschieden oder richtiger, er ist der Fraktion bei Beginn der letzten Reichslagsscssion nicht wieder beigetreten, weil er mit der Führung der Fraktion nicht einverstanden war nnd weil er allein den Muth hatte, das offen zu erklären. Thatsächlich stimmt ein nicht nnerheblicher Theil der nationalliberalen Abgeordneten mit Herrn Lasker überein. Dazu kommt, daß der liauonalliberale Fraktionsverbaud allmälig so locker geworden ist, daß in demselben Alles Raum hat, deuu noch bei jeder Abstimmung sind die Herren ciuseinandergegangen, nnd »iemais hat es in der nationalliberalen Fraktion an Mäuneru gefehlt, welche mit Lasker zusammenstimmten, nnd zwar aus ganz denselben Gründen, welche Herrn Lasker bei seinen Abstimmungen leiteten. * In leitenden nationalliberalen Kreisen, soll jetzt, wie wir ei-fahren, der Plan znr Einberufung eines nationalliberalen Parteitages für den Herbst d.I. definitiv anfgcgeben sein. Es ist allerdings von einer Seite, die eigentlich dem linken Flügel der Partei angehört, lebhaft für die Einberufung eines solchen Partei tages agitirt worden, doch haben sich die Führer, vornehmlich des linken Flügels, gegen diesen Plan ausgesprochen. Ebenso dürfte gestehen, daß es nicht mein Gespenst, sondern ich selber war was Ench bei Sauet Peter iu der .Mrrosse fahren sah. Aber der Gedanke, dicht au ihren Wagen herainulretcn, ein Wort mit ihr wechseln, ihren Blick so ganz iu der Nähe auShalteu zn müssen, machte mich schwindlig. Ich hätte die lächerlichste Figur gespielt und wozu sollte es führen? Du saßest so breit und mit schnöder Behaglichkeit als liv-rtu» posüillvo» an ihrer Seite, ich haßte dich in dem Augenblicke, eS wäre mir absolut unmöglich gewesen, Freude zu heucheln. Zwar daß du so weit mit ihr seiest, traute ich dir nicht zu. Unter uns gesagt, wie sie auf einmal an deinem langen Gerippe, dem biederen holsteinischen Käsegesicht und deiner schäbigen Toilette einen Narren gefressen haben sollte, wollte mir nicht einleuchten. Irgend ein Spaßvogel, dachte ich, hat ihm in Neapel eine Empfehlung an die Dnrand mitgegeben, nnd die ist auf den Scherz eingegangen nnd führt das seltsame nordische Thier in Rom späteren. Nimm mir das nicht übel, Erich; du weißt nicht, wie kostbar sie sich macht. Und nnt deinem halben Königreich könntest du sie schwerlich erkaufen. Ich — seit ich sie zuerst gesehen, bin ich wie ein schüchterner Hund ihren Spuren gefolgt, blos um mir von ferne fo einen Gnaden- brocken von Blick, womit sie so im gleichgültigen Borbeigehen auch die geringsten Geschöpfe beglückt, zuwerfen zu lassen. Und nun finde ich diesen Gesellen, der weder ein Adonis noch ein Krösus ist — himmlische Mächte! Man könnte rasend werden, wenn man denkt, welch' eine grillenhafte, kopflose Metze die Fortuna ist und wie sie Küsse nnd Nasenstüber blindlings an Gerechte und Ungerechte austheilt!" Er ariff nach feinem Hut und wollte fortstürmen; meine Gesell schaft schien ihm unerträglich. Ich hatte Mühe, ihn zurückzuhalten, ihn auf einen Stuhl zu drücken und iudem ich ihu hoch und heilig bei unserer alten Frenndfchaft beschwor, ihn ausführlicher jnS Ber- hör zu nehmen. „Du bist nicht bei Trost," rief er heftig, „wenn du mehr von ihr wissen willst, als deine Angen gesehen und deine Ohren von ihr selbst gehört haben. Wenn Einer iu der Hitze wandert und sieht eine angebissene Orange am Wege liegen, wird er der Narr sein, lauge herum zu forschen, wer sie etwa weggeworfen? Daß sie die Hexe vom Eorfo heißt, kann jeder Droschkenkutscher dir sagen. Wo sie ihre Hexenkunst gelernt, wer schou daran hat glauben müsse», was kümmert's dich, gutes Milchgesicht? Weuu die Milch deiner frommen Denkart darüber gerinnt, ist's nicht dein eigener Schade? Aber ich werde mich hüten, meines Bruders Hüter zu sei». Ja, ich gestehe dir, eine gewisse teuflische Schadenfreude treibt der Plan derjenigen Persönlichkeiten, welche die Agitation für den Parteitag so lebhaft betriebe», daß bei den im nächste» Jahre be vorstehenden Reichscagswahlen alle liberalen Elemente, also Natioiialliberale und Fortschrittler gemeinschaftlich, iu die Wahlbe- weguug eintreten sollten, fürs Erste nicht näher erörtert werden. Ein Zusammengehen der Nationalliberalen mit der Fortschrittspartei wäre allerdings für den Fall iu Aussicht zu nehmen, daß innerhalb der nationalliberalen Fraktion die vielbesprochene Treiinnng des linken vom rechte» Flügel sich inzwischen vollzöge. * Die vereinigten Strafsenate des Reichsgerichts haben den Rechtsgrnndsatz ausgesprochen, daß der Versuch eines Ver brechens vermittelst eines absolut untauglichen Mittels nicht straflos sei. Die Bcrwnuderung. welche diese Entscheidung znmal in preußische» Juristcukrcisen hervorgerufen hat, kann dnrch die nunmehr bekannt gewordenen Entscheidniigsgründe nicht gemildert werden. Au sich lag der iu Rede stehende Fall so, daß es gar nicht geboten war, eine wissenschaftliche Kvntroverfe zum Anstrag zu brin ge», deren Regelung das Reichsstrasgejetzbiich selbst gemäß deu Mo tiven geflissentlich vermieden hat. Die wegen Versuchs der Abtreibung vom Jnstcinzgericht Verurtheilten hatte» die Revisiou darauf gegrün det, daß nicht erwiesen sei, ob das angewendete Mittel überhaupt deu beabsichtigten Zweck zu erfüllen geeignet gewesen. Das Reichsgericht konnte sich hieraus mit der Feststellung begnügen, daß ein posi tiver Nachweis der Tauglichkeit eiues vou dem Angeklagten in dieser Unterstellung angewendeten Mittels zur Bestrafung uichl erforderlich sei, statt mit d^ uuigekehrteu Feststellung: es sei zur Strafbarkeit des Versuchs nicht mehr erforderlich, als daß die Handlung von den, Thäter in der Vorstellung uuteruommeu worden, sie werde zur Herbeiführung des beabsichtigten ErsvlgeS sichren," (sie) die bisherige GenchtSpraxis in Preußen und Baieru >s. Oppeichof zu Nr. Ä, Ausg. vou 1879), also im größten Theile Deutschlauos, umzustoßen. Denn weuu es lediglich auf die Vorstellung des Angeklagten von der Tauglichkeit des Mittels (oder bei der ganz analogen Frage des Objekts) ankommt, so müßte auf die Strafe auch dann erkannt werden, wenn die abfolnte Untauglichkeit des vou dem Angeklagten gewählten Mittels erwiesen und unstreitig ist, also wenn er glaubte, mit Zucker vergiften zu köureii, nicht weuu er etwa aus Versehe» Zucker statt Arseüit nahm. Die Wissenschaft, welche deui reichSgerichtlicheu Erkenntniß zufolge die „Uuhaltbarkeit" der Theorie von der Straflosigkeit des absolut untauglichen Mittels „überzeugend nachgewiesen" haben soll, ist die einiger Mittel-nnd klein- staallicher Größe», welche auch in einer Anzahl von Strafgesetzbüchern sich Geltung verschafft hatte, während in Preußen (Berner, Lehrbuch S. 16t), Hälschner S. 163 ff.) die Wissenschaft im Wesentlichen der Praxis konform geblieben war. Wenn die Entscheidniigsgründe sagen, „der Kausalzusammenhang zwischen einer Handlung und dem durch dieselbe beabsichtigten Er-folg ist niemals durch das Dasein oder Fehlen eines einzelnen Zwischenereignisses unbedingt gegeben oder aufgehoben, sondern jedes auf den endlichen Ansgang Ein fluß äußernde Ereigniß oder Verhältniß giebt stets als einzelner Kausalitätsfattor nur eine größere oder geringere Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit des letzteren, niemals die Gewißheit seines Eintritts oder Nichteiutritts", so heißt der positive Theil dieser Sache in kurzes praktisches Deutsch übertragen eben nur: Die bloße Unsicherheit des Kausalzusammeuhanges zwischen dem gewollten Mittel und der gewollteu That kauu dein Verbrecher niemals zu Gute kommen; dagegen ist die negative Umkelirung hand greiflich falsch, da es immer Umstände geben kann, welche den Kausal- Zufamnicuhang zwischen der in der Vorstellung des Thäters unter nommenen Handlung uud dem beabsichtigten Erfolge ausschließen; z. B. der Mord an einer Leiche, der für das Reichsgericht nach seiner logischen Konstruktion allerdings eine strafbare Thal sein muß. * Wie wir höreu, ist von der Ressortstelle deu Bezirks- regicrungen mitgetheilt worden, daß die vom Kultusminister ihnen zur Verstärkung der Ruhegehaltszuschüsse und weiterer ordentlichen Unterstützungen für Lehrer nnd Lehrerinnen überwiesenen Jahresbeträge fortan neue oder zu erhöhende bewilligende Zuschüsse ausschließen. In Folge dessen werden die betreffenden Personen, soweit die Gemeinden zur Bewilligung eiueö höhereu Betrages außer Staude siud, jetzt lediglich auf das übliche eine Drittel des Ge halts beschränkt, zu deren Aufbringung ein Staatszuschnß nicht mehr gewährt wird. * In Folge der Verstaatlichung der Köln-Mindener nnd der Rheinischen Eisenbahn wird durch Erlaß des Arbeitsministers das königliche Eisenbahn-Kommissariat in Koblenz zum 15. August ausgelöst. Bon diesem Zeitpunkte ab geht die Direktion dieser Behörde auf das königliche Eisenbahn-Kommissariat in Berlin über. Dem bisherige» Vorsitzenden des Eisenbahn-Kommissariats iu Koblenz, Dittmer, ist vorläufig vom 1. Oktober ab der Vorsitz bei deui Eisenbahn-Kommissariat in Breslau übertragen worden. mich, dir zu sagen, diese deine Göttin ist trotz alledem von sehr irdischer Komplexion. Du aber, wie ich dich kenne, trachtest nach dem sogcuauuteu Höheren. Einem fromme» Pastorssohue kau» es nicht gleichgiltig lein, ob so ein Bund im Himmel geschlossen ist oder in der Hölle. Nun, ich könnte in Abrahams ^chooß sitzen uud die Stimme dieser Hexe aus der untersten Bolgia des Inferno hören, tvie sie mir zuriefe, ihr ein bischen Kühlung zuzu fächeln, ich stürzte mich kopfüber zu ihren kleinen Füßen — neiu, das ist ein falsches Beiwort, Klein sind ihre Füße nicht, auch ihre Hände nicht, das ist nur Mode iu unseren nordischen Puppensalons, Roms echte Töchter treten sicher auf und ihre Hände halten, was sie einmal ergriffen haben, mit schölten langen Fingern. O Kind, wie oft habe ich hinter der Ecke gestanden, weuu sie iu den Wagen stieg, er ihr den Arm bot, sie den schöne» gewölbten Fuß auf den Tritt fetzte —" „Er? welcher Er?" „Je nun, der Letzte, der vor Dir den Neid der Götter und Men schen erregt hat, ei» sechs Fuß langer, bildschöner, ein wenig ver rückter, aber auch unsinnig reicher Neapolitaner, obeneiu Marchese, ein Galan, der ihr denn doch ein wenig besser zu Gesicht stand, als Euer Liebdeu. Aber der ist jetzt verschwunden, es sind sast acht Wochen darüber ins Land gegangen. Bor ihm soll ich dir die ganze Liste herunterbcten? Ich will lieber vom Anfang anfangen." (Fortsetzung folgt.) Tkeater und Musik. -l- Nach uns vorliegenden Berichten au« Warmbrunn hat das daselbst zuni ersten Mal aufgeführte neueste Lustspiel der Herren v. Mofer und v. Schönthan „Krieg im Frieden" außerordentlich gefallen. Ma» rühmt die lustige Handlung und deu witzsprüycuden Dialog. Das Stück wird ini Herbst bei Walluer gegeben »verden, — Hexrn Direktor Lebrnn ist es leider nicht gelungen, für Herrn Emil Thomas eine Berlängernng seines Urlaubs zn erwirke»; sein anzie hende» Gastspiel ini Wallnertheater in der belustigenden Posse „Hansherrn- frenden" neigt sich somit seinem Elche zu; es werden nur noch wenige Aufführungen der Posse stattfinden. — Bei Kroll findet heute bereits das fünfte der diesjährigen Garten feste statt. Im National-Theater mußte das Ensemblegastspiel der Wiener Hofschauspieler wegen ernstlicher Erkrankung deS Herrn Baumeister ausgesetzt werde». * D» stolzes England freue dich! Wie der „Köln. Ztg." auz Berlin berichtet wird, dürften die Beschwerden über die Beein, trächtigiiiig der deutschen Nordfeefischerei durch die eng, lifchc» Fischer, welche die ihnen gesetzlich zustehende» Gewähr regelmäßig überschreiten und gewaltthätig vorgehe», eine Abhülfe dadurch erhalten, daß einKriegsschiff zum Schutze der deutschen Fischerei kreuze» soll, was bis jetzt bei uns nur selten der Fall ge wesen. Dänemark schützt seine jütische Küste »ach dieser Richtung schon lange. Sehen die Engländer erst, daß ihren Gewaltthaten begegnet wird, so werden sie überhaupt dieselben unterlasse». * Sämmtliche Blätter der österreichischen Residenz füllen ihre Spalte» mit Berichte» von dem erste» Tage des österreichi schen Buudesschießcus, mit Schilderungen des Festznges, des Festbanketts und der Eröffnung des Schießens selbst. Die Genug thuung darüber, daß Alles glänzend und ohne nennenSwerthe» Zwischeufall abgelaufen, ist eine allgemeine. Das Fest, das bekannt lich acht Tage währen wird, sollte von vornherein keine,i eigentlichen politischen Charakter haben nnd trägt auch einen solckzen nicht. Einzelne scharfe politische Aeußerungen, die bei dem Empfang der Schützen vorkamen uud sich gegen die Zurückdräugmig des Deutsch tums in Oesterreich wendeten, wurden im Festjübel, wohl absicht lich, übechört und übe» keine Nachwirkung aus. Nichtsdesto weniger werden gewisse Erscheinungen des politischen Bei geschmackes nicht entkleidet werden können. Man weiß, schreibt uitser Wiener L> - Korrespondent, daß die Czechen, Polen und Sloveue» von dem Fest ferngeblieben sind, und so gestaltet sich dasselbe zu einem ausgesprochen deutschen. Die gestrige Fahnenweihe und insbesondere das Desiliren der Schützen vor dem Kaiser wnrde ganz plötzlich und von selbst zn einer spon tanen, hinreißenden, wahrhaft großartigen Loyalitätskiindgebung, zn einem der denkbar glä»zc»dstcu Huldigungsakte, der eben vo» den Deutscheu Oesterreichs ausgegangen ist. Es wurde in den glühend patriotischen Reden, in dem stürmischen Zujauchzen, in der orkan artigen Ovation vor dem Kaiser nicht ausgesprochen, und doch schien es, als wäre in dein blendenden Lichtglanz, der über der uuvergleich- liche» Szene ausgebreitet war, mit Fenerschrift Allen, auch dem Kaiser auge sichibar geschrieben gewesen: Wir Deutschen, obgleich momen tan zurückgedrängt biS zn eiuem gewissen Grade, obgleich nichts weniger als zufrieden mit unserem Loofe, huldigen doch der Majestät, schwöre» doch immer wieder uubcgreuzte Hingebung und Treue für Kaiser uud Reich, während Andere ihre Loyalität nach politischen Gesichtspunkten berechnen und nicht bei jeder Gelegenheit von Neuem ihren unbedingten Patriotismus zu bekräftigen herbei eilen. Ein derartiger Eindruck läßt fich nicht hinwegleugnen, nud das hat jedeufalls feine politische Seite. Besonders hervorzuheben ist noch, daß zwischen den Wienern und den Gästen ans Deutsch land zahlreiche Syiupalhickuildgebungeil gewechselt wurden. Unter den Festrednern beim ersten Bankett auf dem Schützenfestplatze ver dient der Präsident des deutschen Schlltzeubiiudes, Rechtsauwalt Dr. Reinartz ans Düsseldorf, genannt zu werden. Er hat in einem schwnugvvlleii Toaste unter stürmischem Beifall Wien gefeiert, wofür der Bürgermeister der Residenz sehr warm dankte. Im Ganzen herrschte eine überaus angenehme Stimmung, die, wie man hosten darf, bis zum Ende des Festes ungetrübt vorhalten wird. Hi Wicu, 20. Juli. (Privcit-Tclegramm des Berliner Tagebl.) Auf deni Schützensest Platze ist das gestrige Mathcur (vergl. Depesche im gestrigen Abendblatie) bereits halb vergessen. Die verunglückten Personen sind in der Bessernng begriffen. Der Schaden an der Feschalle ist ans- gebessert. UebrigenS hatte anch der Gabeiitempel vom Sturme gelitten. Mehrere Gaben sind bcschlidigt, Hcut- herrscht iiidcjz wieder di- ouinnrtcste Stimmung und eS wird lustig geschossen. Der Kaiser besucht dc» Schich« platz morgen. ^ In deu letzten Nachrichten des gestrige» Abendblattes ist unter der Rubrik England eine kurze Besprechung der Position Glad- stones zu finden. Es ist darin angedeutet, wie die Stellung des Premiers innerhalb der eigenen Parteien etwas erschüttert erscheine, und tvie vielleicht der letzte Wahlsieg der Ltonserbalive» in Berwick unwillkürlich als ein kleines Zeichen der sich ändernden politischen Stimmung unter den Wählern zu betrachten sei. Unser Londoner /-Korrespondent telegraphirt nun iu Uebereinstimmung mit dieser Anschauung: „Der schottische Lord-Advokat, welcher in Berwick bei der Wahl für das Unterhaus durchfiel, ist Mitglied der Regie rung uud Neffe des Premiers. Obgleich der Wahlstecken nicht groß ist, so ist der konicrvative Sieg doch von Wichtigkeit, da Berwick wie Schottland überhaupt früher fast ausschließlich liberal wählte." Präsident Haycö au Bord der „Mosel". Vor einigen Wochen ließ es sich die englische Presse angelegen sein, über die Verhaftung deutscher Dampfer-Kapitäne zu berichte», welche wegeu uugesetzmäßiger Ueberfüllung ihrer Schiffe — Im Lonisenstädtischen Theater geht heute die Donizettische Oper: „Der Licbes'tranl" zum ersten Male in Szene, während morgen „Kra Diavol o" mit Herrn Adolf Krüger in der Titelrolle und Fräu- leui Mathes als Zerline wiederholt werde» soll. -i- Hente wird die bekannte Kapelle des lönigl. sächsischen Schützen-Regiments (Nr. 1t)8), ü4 Mann stark, im Eiskeller in Uniform lonzmiren. — Zum Besten der Uebcrschwemmten in der Oberlausitz und im Harz findet morgen, Donnerstag, iu> llniversnm in de> Brunnen- strcche L!) ein grofzes Konzert des ältesten Mlisoruiirlen Beteranenkorps unter Leitung des Kapellmeisters Langer statt. Anna Schramm, Gattin des Fabrikbesitzers Bügler zu Kötzschen- broda, hat gelegent'ich einer WohlthäligkeitsvorsteUnng im Dresdener Residenzlhcaler nach langer Zeit wieder einmal die Bretter betreten. St. Man schreibt un» aus Leipzig: Am Freitag leierte das „Carotatheater" einen glänzenden Trinmph. Die Opernsaison schloß mit einer Wiederholung der „Zauberftöle", wodei auch die klemsteu Rolle» vo» Küustieru und Künstlerinnen namhafter Theater gegeben jwnrden. Trotz der üderanS großen Hitze war denn auch das Publikum zahlreich erschieucn, deuu es fühlte deu Drang und die Pflicht, die nun scheidenden Koryphäen mit Ehren zn cntlassen. So wurden denn anch die Damen Peschka-Leutner, Liszinann, Gntzichbach nnd Wiedermann mit Blumen und Kränzen wahrhaft überschüttet, das gesammte Personal aber mir einem Beifall geehrt, wie solcher hier in gleich eiithufiaslischer Weift wohl noch selten vorgekommen, -l- Aus Prag schreitt mau uns: Am 1. August wird Herr Juuck, der zweite Tenorist am Präger deutschen Landesthealer, sein Engagement am Berliner Hosthealer antreleu. Ein Netieiiinteresse dürfte sich für die Ber liner an den Namen dieses Inngen Sängers knüpfe», indem sei« kürzlich verstorbeiier Vaier, der Generalstabsmajor Jnnck, es war, der 186«! in Benedcl's Haupiguarlier die Leituug der Presse inne hatte und am Tage der Schlacht von Königgrätz ani frühen Morgen aus der Festung Josesstadt das historische Bulletin in die Welt versendete: „Der Tag ist unser. Sieg auf allen Linien. Ei» Parlamentär erscheint." Noch dieser vorzüglichen Leistung eines wohlunterrichteten Preßleiters ging er in Pension und be faßte sich bis an sei» Lebensende mit der Herausgabe nnlitärischer Fach schriften. — Frau Bittner vom Berliner Hosthealer wird als erste Heroine ans ezechische Natioaaltheater n,:ch Prag berusen werden. Dieses ezechische Institut wird zufolge der Geldvotirungen der deutschen LandtagSmajorität bis zur Vermählung des Kronpriuzen Rudotf fertig gestellt, und je«« bessern ezechischen Schauspieler, die sich in bescheidenen Stellungen bet deutschen Theatern befinden, werden nun für erste Fächer in ihre Heimath zurückberufen. In Brüssel werden die Tage der llnabhängigkeitsfeiex durch oll« erdenklichen Genüsse verschönt. Am Theatre dn Pare wird Sarah B5n- hardt viermal in „Adrieime Lecouvreur", viermal in „Frau-Fron" auftrete«.
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