Blader door transcripties » Staats- en Universiteitsbibliotheek Carl von Ossietzky, Hamburg



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Hamvrrrgsstyer ^orrefponvenr
Donnerstag, den I. Oktober 1908.
Cürhifcb« HuaKcbtcn.
Generaloberst Frhr. fc. b. Goltz, der langjährige Instrukteur
der türkischen Armee, veröffentlicht in dem Organ
der Deutsch-Asiatischen Gesellschaft, der Zeitschrift Asien, einen
längeren Artikel über die Ursachen und Aussichten der Staats-
Umwälzung in der Türkei.
Er bezeichnet die StoatSumwälzung als dos Ergebnis deS allgemeinen
Unwillens Wer die politische Schwäch« der Regierung nach
außen, welche in den letzten fahren vornehnilich die unausgesetzte
Einmischung der großen europäischen Mächte in der mazedonischen
Frage zur Folge hatte. Die Erbitterung ffber diese und die der
Türkei bereiteten Demütigungen hatte längst den Siedegrad erreicht.
Lffe immer, brachte dann ein zufälliges Ereignis das Gefäß zum
Ueberlaufen. Es war die Monarchenzusammenkunst in Reval, der
im türkischen Orient eine weit über das richtige Maß hinausgchende
Bedeutung beigemessen
immer noch für diesen'
m einer Stunde Lu,
ftcs Interesse gezeigt
egner ange-ieh-n, von
durch in ziemlich regelmäßigen
Perioden erfolgende Angriff« ausgehe. Nun schienen in Reval
sich England und Rußland über das Schicksal der Türkei, also, deutlicher
gesprochen, über deren Aufteilung, geeinigt zu haben. Wie ein
Lauffeuer verbreitete sich die Parole, zumal in den europäischen
Provinzen, daß der letzte Augenblick zum Handeln gekommen wäre,
wenn man das Reich überhaupt noch retten wolle. Andere Ursachen
kamen, wie allaemein bekannt ist, hinzu, und es fand sich im kritischen
Augenblick auch der Maun, von dem in allen ähnlichen Lagen der
Anstoß ausgeht, nämlich ein Verwegener, der zuerst die Lunte ins
Pulverfaß schleuderte.
Bezüglich des GruudmotivS hat die türkische Revolution also
einen sehr ähnlichen Charakter wie die japanische von 1868, und aller
t nach wird auch das erste auffallende Ergebnis die
arische Erstarkung des Reiches und die Emanzipation
emder Bevormundung fern. Aber die ganze Bewegung ist zugleich
von einer mächtigen sozialpolitischen Strömung durchzogen, die
ich seit lange vorbereitet und von Jahr zu Jahr an Gewalt und
Umfang zugenommen hat. Im Hinblick auf die fernere Entwicklung
des osmanffchen Reichs und der orientalischen Welt überhaupt ist
dieS sogar ihr wichtigster Bestandteil. Was die Vorgänge vom
24. Juli gebracht haben, war das Resultat einrr allgemeinen Erhebung
der gebildeten Klaffen, kein Volksaufftar.d in dem uns be-
kannten, geschichtlichen Sinn, wenn auch die besten Teile des ge-
samten Volkes hineingezogen worden sind. Ter europäischen Presse
war schon vor Jahrzehnten der Begriff einer jungtürkischen Partei
geläufig. Eine so lebe hat es bis ans die letzte Zeit indessen gar nicht
oder doch nur in beschränktem Maße gegeben. Selbst jetzt kann man
noch nicht von einer Parteibildung nach innerpolltischem eur»
äischem Muster sprechen. ES handelt sich gewissermaßen um eine
par
Parteibildung unter Ausschluß der Oeffeutlichkeit^. Nichtiger dürste
mau von einer Verschwörung spreche, ab>w einer Berscht "
guten Sinn, die nicht einmal antimonarchisch war.
Dafür stellte sich aber schon seit langen Jahren bei der türkischen
Jugend ein so weit verbreitete- Streben nach Besserung und Reinigung
der bestehenden Zustände ein. daß man mit einem gewissen Recht
behaupten kann, jeder junge Türke der neueren Zeit sei auch Jung-
türke gewesen. Dies erklärt dis wunderbare Ucbereinstimmuyg, die
sich ganz überraschend in dem ausgedehnten Reich am Tage der Ent-
scheidung hervuSstellte und die vor allen Dingen die jüngere Schicht
des Offizierkorps einheitlich verband. Europäische Bildung und, ich
möchte sagen, europäische Ethik bezüglich des Staatslebcns hatte sich
iu den letzten Jahrzehnten in der Türm aus erstaunliche Weise ver-
breitet. 'Sie entspr.ng der Ausdehnung und Vervollkommnung des
Schulwesens, um dos sich Sultan Abdul Hamid II. unleugbar große
Verdienste erworben hat. Wurde dabei auch etwas viel aus die Erziehung
von „Gesinnungstüchtigkeit", wie wir sie im ironischen Sinn
nehmen, Wert gelegt, so wuchs doch zugleich das Bildungsniveau der
Bevölkerung auf rein mechanischem Weg wie ein Strom an, der über
di« Ufer tritt. In der breiten Flut gebildeter junger Leute, die sich
über das Land verbreitete, mußte nach und nach schon durch den Ver-
kehr mit den Lehrkörpern ein völlig verändertes modernes Bewußtsein
von den Pflichten deS gebildeten Mannes gegenüber dem Staat
de ra «wachsen, und cs ist nur natürlich, daß dieses sich zuerst gegen die
Korruption, d. h. die Ausnutzung von Staatsstellungen zur per-
r - JC - Bereicherung wendete. Die deutliche Empfindung von der
rwerslichkeit der Ausnutzung einer amtlichen Stellung zum eigenen
Vorteil und die strenge Scheidung von dienstlichen und persönlichen
■“ rc * c ‘ und sorgfältiger
.. s erkennen läßt.
Günstlingswirtschaft und die daran sich
knüpfende Bereicherung auf Kosten des Landes ein so hohes Maß
erreicht bat und zu einem gewaltigen AuSbruch führte, so ist dies zum
Teil auch noch darin begründet, daß im Volk während der letzten
Jahre die Not infolge von Mißernten und übermäßigen militärischen
Anstrengungen ein besonders hohes Maß erreicht hotte. Er Hot
daher in wenig Wochen eine ganze Reihe von hemmenden Schranken
für die freie und ehrlich« Entwicklung niedergeworfen.
Mer aus türkischem Boden vor der Umwälzung ein nuhbringem-
deS. die Landeskultur, den Handel, den Ackerbau oder die Jndu trie
förderndes Unternehmen beginnen wollte, sah sich in der Regel falb
unberechtigten Forderungen von Beamten oder einflußreichen Personen
gegenüber, die seine Tätigkeit im allgemeinen Interesse hätten
fördern sollen. Um solche Widerstände zu besiegen war ein mächtiger
Beschützer nötig, manchmal auch deren mehrere oder wechselnde, und
das erforderte neue Opfer. Der Konkurrenzkampf zwischen diesen
gefährlichen Gönnern hat aber gar manches nützliche Unternehmen
überhaupt allmählich versanden lassen, weil der eine vernichtete, ivaS
mit Hilfe des anderen eben anaevabn
Ansicht
Krywupt, Mi., UUX sm 11 UJ
ferner Nation ein tritt und da.
im JL/riKHi uciuiijv, n«r »vui
allein, sondern auch für daS Ans.^.. w
nach zu handeln j>at. Wir haben jedenfalls leinen Grund. mrS
schäftswclt war jedenfalls die
nt war. In der fremden Ge»
maßgebend, daß nur äußerst
kapitalkräftige Unternehmer oder Gesellschaften ans einen Erfolg
rechnen dürsten. Eine Reihe einschränkender poli
polizeilicher oder stcuer»
Bestimmungen übte eine ähnliche Wirkung aus wie die
btwendigkeit der Protektion. Die neue Aera hat daher bereits mit
einer Reihe solcher Hindernisse aufgeräumt. Der Durchgangshandel
ist erleichtert, die Zollplackereien sind herabgemindcrt worden, dem
ganzen Verkehr ist mehr Freiheit gegeben. Das ist olles -etwas
ichnell gegangen und wird sich vielleicht nicht überall praktisch so
durchführen lassen, wie es gewünscht wird, aber eS war notwendig,
um Vertrauen zum neuen Anstande zu erwecken, die Richtung der
neuen Regierung zu kennzeichnen und Lust und Liebe zu Unternehmungen
und zum Gewerbeffeiß wieder zu beleben. Das Bediirf-
ich einer Reinigung der
regt sich im Augenblick jedenfalls m einer
nis nach einer Reinigung der ganzen Staatsverwaltungsatmosphäre
’ ensalls in einer fast ' " " s ' ,
Trennenden Art. Mit dem Verschwinden der Korruption wird aber
leidenschaftlich zu
die Bahn für eine ganz andere kulturelle und materielle Entwicklung
frei.
Zugleich scheint es, daß mjt einem zweiten, nicht minder gewaltigen
Gegner ernsthaft aufgeräumt werden soll, nämlich mit der
alles fesselnden Zentralisation. Auch wir klagen ia oft über dieses
Uebel. Wie es sich aber im ottomanisch.-n Reich am Ende heraus-
tzebildct hatte, davon macht sich im Abendland selbst der unzufriedene
Staatsbürger keine richtige Vorstellung. Es hatte seine historische
Begründung und tvar keineswegs lediglich Lust und Freude am Absolutismus
in der Verwaltung. Es stammt ans der Zeit des allgemeinen
Zusammenbruchs nach dem unglücklichen Krieg gegen Rußland
in den Jahren 1877 und 1878. Damals war es eine politische
Notwendigkeit, die Zügel straff zu ziehen und alle Gewalt bei einem
Willen zu vereinigen, um erst einmal eine Uebersicht über die herein-
gebrochene Verwirrung zu gewinnen und das Efaos ordnen zu
können. Zurzeit witd dezentralisiert, weil fas Reckt der Entscheidung
zweckmäßig aus die Ministerien und die anderen höchsten Verwaltungsbehörden
verteilt wird und nicht inehr für jede irgend
nennenswerte Angelegenheit wie ehedem die Meinung einer einzigen
schwer zugänglichen Stelle eingeholt werden muß. Zahlreiche Kräfte
werden dadurch frei und können sich betätigen. Hat dies in der
Armee zuerst begonnen, so wird cs sich auch sehr bald im sozialen,
kommerziellen und industriellen Leben des Volkes fühlbar machen.
Die neue Aera ist noch sehr jung, und man darf nicht verkennen,
daß ihr mancherlei Gefahren drohen, wie ein zu weit gehender Radikalismus,
der zur Ueberschätzung der eigenen Kräfte, zur Zersplitterung
und Verwirrung führen kann und der zugleich zum Widerstand
reizt. Auch die augenblickliche Finanznvt, die Lage der untersten
Volksschichten in der Hauptstadt, die Verfassung des Bauernstandes,
' " ' schiede, Begehrlichkeiten
-erbeisühren. Bisher
Wicklung doch in den Bahnen ruhiger Besonnenheit geblieben. Schrei-
die nationalen Unterschiede, Begehrlichkeiten und R valitäicn Iverdcn
starke Hemmungen herbeisühren. Bisher ober ist die ganze Ent-
tet sie so fort, so ist nicht nur eine überraschende Erstarkung, sondern
eine ebeniolche intellektuelle und materielle Entwicklung des Landes
zu erhoffen, die den gegenseitigen Beziehungen mit den anderen
Staaten und Völkern Europas fruchtbare Gebiete eröffnen wird Noch
ist mancher Schatz , der im Boden der Türkei liegt, zu heben, manche
Quelle für Wohlstand und Gedeihen zu öffnen. Leichter Verdienst
wird bei neuen Unternehmungen freilich nicht, wie ehedem, zu finden
sein', denn der Wettbewerb nicht nur mit anderen Nationen, sondern
auch mit den sehr tüchtigen einheimischen Kräften wird ansehnliche
Leistungen erfordern. Aber das kann uns nur recht sein. Solide
deutsche Arbeit, die für das Land Gutes bringt und nicht lediglich aus
schnellen Gewinn ausgeht, wird ohne Zweifel auch in Zukunft in der
Türkei willkommen sein. Trotz aller absichtlich verbreiteten entgegn»
gesetzten Mitteilungen in der ausländischen Presse wird die deutsche
Arbeit im Orient aufrichtig geschätzt. Was Deutsche bisher dort ge-
schaffen haben, hat Gott sei Tank trotz mannigfacher Anfechtung von
Nebenbuhlern die Kritik immer noch siegreich bestanden. Das wird
in türkischen Kreisen von odsektiven Benrteilern in der großen Mehrzahl
anerkannt, und es wird hoffentlich auch in der Zukunft der Fall
fein, selbstverständlich unter der Bedingung, faß jeder Deutsche, der
Inland und Ausland.
Dcutfchco Reich.
Zu Ehren des Königs von Spanien fand gestern vormittag bei
Landau in der Pfalz auf dem Paradefelde eine Parade statt, cm
der das 5. Jeldartillerieregiment und das 18. Infanterieregiment
teilnahmen und die von prächtigem Wetter begünstigt war. Nach
der Parade begab sich der König nach dem Kasino des 5. Artillerieregiments
zum Frübstück. Die Abreise noch München erfolgte um
11 Uhr 15 Min. Die Königin von Spanien fuhr vormittags im
Automobil nach Tegernsee, begleitet von der Prinzessin Beatrice
von Sachsen-Koburg und Gotha. Im Schloß Tegernsee wurde die
Königin von der Herzogin-Witwe von Koburg, der Kronprinzessin
von Rumänien mit ihren Kindern sowie dem Großfürsten und der
Großfürstin Cyrill von Rußland empfangen. Um 12i4 Uhr fand
Frühstückstafel statt. Nachmittags machte die Königin mit den
anderen in Tegernsee weilenden Fürstlichkeiten einen Ausflug nach
Bad Kreuth. Der Prinzregent hatte sich vor der Abfahrt der
Königin von Spanien von dieser verabschiedet, da er sich nachmittags
nach Berchtesgaden begab. (Tel.)
Bernstein über die Budgctsrage. Der sozialdemokratische Wahl-
Verein für Schönebcrg hielt am Dienstag eine Versammlung ab,
um den Bericht vom Nürnberger Parteitage entgcgenzuneymcn.
In der Tislusiion erklärte Eduard Bernstein u. a.: Es ist unbedingt
notwendig, daß auf den Parteitagen Beschlüsse gefaßt wer-
den, denen sich die Genossen auch fügen können. Verfehlt ist es,
ihnen die Hände zu binden vdcr die Aktionsfreiheit zu rauben, wie
cs mit den Süddeutschen geschehen ist. Eher sollte sich der Partei-
vvrstand Mühe geben, die Süddeutschen vollständig zu sich herüberzuziehen.
Ich halte die in Nürnberg angenommene Vorstands-
resolutivn für verfehlt. Nehmer wir einmal an, es käme ein Bub»
et mit direkten Steuern zustande, so könnten wir es nach jener
Resolution auch nicht bewilligen. Wenn jede Budgetbewilligung
als ein Vertrauensvotum für die Regierung aukgefaßt werden soll,
so binden wir uns die Hände und verurteilen uns zu unfruchtbarer
Negation. Diese Gesichtspunkte sind für die Süddeutschen maß-
gebend gewesen. Wohin eine solche Taktik führen kann, lebrt uns
Frankreich, wo es zu einer tiefen Spaltung gekommen ist. die eine
radikale Entwicklung bcmmt. Für uns ist eine solche Wandlung
nicht wünschenswert. Eine revolutionäre Politik vermag ich wohl
zr. begreifen, billige sic aber nicht. Es ist heller Wahnsinn, eine
Politik zu treiben, die direkt auf die Revolution hinausläuft. Es
geht ein Zug der Unruhe durch die Arbeiterschaft, der sich nicht
allein gegen die Regierung, sondern auch gegen die Arbeiterführer
nid Parteiführer richtet. Seit einigen Jahren gefällt man ffrch
in der Gegenüberstellung von Radikalen und Revisionisten. Was
sind Revisionisten? Nun. ein Revisionist ist ein Genoffe, der
den Redaktionen des Vorwärts und der Leipziger Vokkszeitun
nicht gefällt. Sie sind schon unzählige Male mit Pauken uw
Trompeten totgcschlagen, leben aber vergnügt weiter. Jetzt sollen
n m alle Süddeutschen zu Revisionisten gestempelt werden, und der
Ton, der gegen sie und andere Gleichgesinnte angeschlagen wird,
kann die Gegensätze nur verschärfen.
Postsendungen an Deutsche in Italien. Die italienische Regierung
hat zur Beseitigung der Schwierigkeiten, die sich durch die
Legitimationsprüfung bei Aushändigung von Postsendungen an
nsui _
Deutsche in Italien herausgcstcllt haben, angeregt, den deutschen
Konsuln in Italien anbeimzugcbcn, den Pässen, die ihnen zur Visierung
vorgclegt werden, eine italienische Uebersetzung des Namens
und der Personalbeschreibung des Paßinhabers beizufügen und diese
Uebersetzung durch ihre Unterschrift und ihr Dienstsiegel zu be.
g^aubig'-n.
Oeftetreich - (Jti
Bosnien und Herzegowina. Wie nach einer Meldung der
Frankfurter Zeitung aus Budapest bestimmt verlautet, wird die
Thronrede anläßlich der Eröffnung der Delegation wichtige Mitteilungen
über die künftige staatsrechtliche Stellung Bosniens und
der Herzegowina enthalten.
JWolvcno.
«Nachdruck verboten.»
Vom Kaiser!. Rat Dr. Ntünbl (Wien).
Hochtouristen, die di« Brenta durchstreift 'hatten, erzählten
nach ihrer Rückkehr bisweilen von einem märchenhaft schönen See,
den st« dort mitten in der Bergwilbnis ausgefunden hätten; einem
großen, tiefblauen, kristallklaren und dabei wannen Alpeniseel
Ader die Kunde von diesem wundervollen See klang ebenso fremd
wie der Nenne Molveno, der ihm z-u eigen feit: sollte. Und bald
ward beides vergessen.
Als in diesem Jahre in dem dicht gedrängten Programm für
die erste Studienreise des neuen österreichischen '.'IrbcitsininisterS
durch Tirol mit einem Male auch der Naine Molveno erschien,
erregte dies in km Kreisen, die sich für die Reise interessierten,
manches Kopfschütteln. Eine lange Reihe von glänzenden Namen
vornehmer, in der ganzen Welt bekannter Alpenorte wie Trafoi,
Drendel, Campiglio, San Martina, Karersee. Cortina. Toblach
und mitten darunter der so träumerisch-süß klingende und dabei
fast unbekannte Name Molveno!
Die Wahl war mit gutem Bedacht erfolgt. Nian wollte deni
Arbeitsminister. in dessen Ressort auch die staatliche Förderung
des Fremdenverkehrs fällt, nicht nur Orte zeigen, deren mächtige
Entfaltung den besten Beweis für die hohe staatswirtsck-aftliche Bedeutung
des Freindenverkehis zu liefern vermag, sondern auch
solche, deren Entwicklung erst im Keinie liegt und der staatlichen
Unterstützung dringend bcfars. Zu diesem Ziele aber konnte man
kein geeigneteres Schulbeispiel wählen als gerade Molveno.
Eine halbe Stunde südlich von Bozen auf der Fahrt über
Trient nach Ala durch das sonnige, srncktfarc Etschland hält der
Schnellzug in der kleinen Station San Michele, von wo ein« Flü-
gelbahn nach Westen durch das roniantische Nvcetal in sechs Minuten
nach dem Städtchen Mezolombqvdv führt. Bon diesem leitet
eine in ziemlich steilen Serpentinen ansteigende, wenig gut
Futztt'ege nach Fai.
Bei
Stadt
und Palästen im Sonnenglanze funkelnd, umgürtet von hoch
ragenden Bergen. Und mrch kurzem Verkaufe öffnet sich der
Ausblick nach Norden in das berühmte Nonstal, das mit »einen
hundert von zahlreichen alten Burgen geschmükten Ortschisten
zu den größten mib wohlhabendsten Alpentälern zählt. Nach
Westen hin aber fällt das «rifte bereits aus da» majestätische
Ntassiv der Brenta, die mit ihren leuchtend roten, schroffen Wänden.
mit ihren ausgedehnten Schneefeldern, mU ihren abenteuer-
lichen Zinnen. Zinken und Türmen wohl zu den schönsten, inter-
esiantesten und wildesten Dolomiten gehört.
Die Straße, die von Fat an fa# tnmier durch dürftigen Hoch-
wa'd leitet, führt nun an dem reizenden Dörfchen Andalo vorbei
und dann sofort wieder in schattigen Wald, dessen reiche Bestände
an mächtigen Blautanr.cn die frische Alpenluft mit würzigem Dufte
erfüllen. Nun geht es noch einige Kilometer weiter fast eben in
einer Höhe von etlva 1100 Meter durch den Hochwald bis plötzlich
einer Lichtung tief unten ein kleines Dorsch “
ißen Sees ersdpeint. In diinkelstcr Bläue «rß
fick-pe. Am rechten Ufer ragen die schroffen Felsivände der
Brenta empor, am linken liebliches Waldgebirge von mittlerer
Höhe, im Hintergründe gehüllt in durchsichtig-rosige Sonnenncbel
die Berge des Gardasees. Bcrzücklcn Auges verweilt der Beschauer
bei diesem hinreißend schönen Bilde, das die merkinürdig-
sten landschaftlichen (fagensätze in bezaubernder Harmonie vereinigt:
die weithin leuchtenden Dolomiten in erschreckender Mildheit,
anmutiges Waldgelände mit tveit ailSgedehnten, iveichen
Älpenniattcn, die Berge des Südens mit ihrem duftigen Rosen-
kchleier und von all dem eingeschlossen ein großer Alpensee, dessen
Farbe mit der des Meeres bei Ragusa und Neapel wetteifert.
Die Straße, die sich nun zum Dörfchen Molveno herabsenkt,
ist wieder schlecht geworden. Aber für ihre Beschaffenheit entschädigt
reichlich das feßelude Bild, das nun vor den Auge» des Wanderers
auSgebreitet bleibt, bis nach vierstündiger Wagenfahrt oder
fünsstiindigem Fußmarsch von Mezolombardo aus — das Reiseziel
erreicht ist.
Molveno darf als Typus eines malerischen italienischen Dörfchens
gelten. Und dock) besitzt es seine ganz besondere Eigenart. Die
alten Häuser sind in ihrem unteren Teile massioe Steinbautcn, bei
denen manch kunstvolles GesimS, manch ornamentaler Säulen- und
Fensterlchninck auffällt, mit gewaltigen Torbogen, unter denen die
engen Dorfstraß-n durchführen. Die oberen Stockwerke aber sind
nannt »nd noch beute im Besitze der Grafen Saracini, denen auch
der See gehört. Vermutlich waren die steinernen L)äuser der Nach-
barschast ehedem für die Reisigen des streitbaren Grafe»geschlscht»
bestimmt. Im Laufe der Jahrhunderte sind Bauernhäuser daraus
geworden und auf dem Portal de» ehrwürdigen Palazzo selbst
prangt heute die Ausschrift: ,.K. 9 . Post- und Telegraphenamt .
Im Dorfe sind für die Ansprüche bescheidener Touristen zwei
Einkehrwirtshäuser seit dielen Jahren vorhanden. Eine Viertel-
stunde vom Dorfe entfernt, unmittelbar am See gelegen, mit dem
Ausblick auf die mächtigen Häupter der Brenta, erhebt sich au» dem
waldigen Hintergründe ein schmucker roter Steinbau, das neue
„Hotel ivkvlvenv. Da» Hotel ist modern auögestatiet: vor dem
Hause der obligate Tennisplatz, unweit davon eine kleine Liadean-
stalt, vor der sich einige flinke Kielboote aus den blauen Fluten
schaukeln. DaS ist nun freilich nicht» besonderes. Aber die Lage
ist einzig schön, und der längere Aufenthalt bietet Vorzüge, die «n
solcher Bereinigung anderwärts kaum ein zweites Mal in dem ganzen
ungeheuren Awengebiete angetroffen tverden dürften.
Ein warmer, dunkelblauer, kristallklarer Alpensce im Angesicht
des wildesten ^Hochgebirges. Scheu fas ist einzig. Zudem liegt der
See etwas unter 1000 Meter Mcereshöhe, also nicht weit von jener
ominösen Grenze, die von vielen Personen bei Wahl des Aufenthalts
aus hygienischen Rücksichten nicht überschritten werden darf. Die
Grmst der klimatischen Verhältnisse Südtirols ist bekannt: Fast
immer strahlend blauer Himmel, sodaß Regenwetter zu den größten
Seltenheiten gehört. Der entscheidende Vorzug Moivenos aber besteht
•farin, daß bei gutem Wetter regelmäßig am Spätvormittag
die „Ora" einsetzt, jener unschätzbare Wind vom Gardasee her, der
bis zum Spätnachmitlag wehst und in der ganzen Zwischenzeit die
Luft mit prächtig erfrischender Kühlung erfüllt. Die Hitze, die in
anderen Orlen des Südens den Wanderer zur Mittagszeit bis-
weilen bis auf die Bergeöhöhen quälend verfolgt, ist in Molveno
nirgends zu verspüren. An wollenlosen Julitagen zeigt das Ther-
mometer zu Mittag 18 Grad R., an den wenigen trüben Tagen 16
Grad. Das ist der ganze Unterschied. Dazu die Morgen und
Abende von köstlicher Mildheit! Man kann sich kein gesegneteres
Klima denken.
Den Hochtouristen bietet Molveno eines der wichtigsten Einfallstore
zum Besuche der Brenta. Nach siinfstündigem Marsche
vom Dorfe aus ist die Tosahütte an der Bocca di Brenta, nach
sechsstündigem der Tuckett-Paß mit den beiden Sckiutzhäusern erreicht.
Die Bocca di Brenta und der Tuckett-P«ß aber sind be.
kannt'ich die beiden von Touristen zahlreich bejdjrittencn lieber-
gänge nach Campiglio und dann weiter zu den piachtvollen Gebirgs-
zügen der Ortler-, Adamellv- und Presanella-Gruppe. Von der
äuS werden auch die mannigfachen hochinteressanten Kletterpartien
in der Brenta unternommen: Auf den Crozzon, auf den Campanile,
auf den Torre die Brenta und auf die schauerliche Guglia, die wi,
ein gigantischer Raublierzahn fast lotrecht gen Himmel ragt.
Auch der bescheidene Tourist kommt tu diesem Oiebiet reich,
ltch auf seine Rechnung. Gegenüber der Brenta ei beben sich
am Oslufer des Mvlvenosees die sanften Höhen des Monte
Gasza und der Paganella. die von» See aus tu drei bis vier
Stunden mühelos erreicht »»erden kvnnem und einen-herrlichen
Rundblick gewähren. Ans diesen roeichen, weit ausgedehnten
Alpenmatten ist di« Flora unbeschreiblich schön. In gesättigter
Farbenpracht leuchtet txr breite Gürtel von üppigen Alpen-
rvsenstränchern, und weiter böher ist die Wteft besäet mit de»
lieben Sternen dev Alpenedekweiß.
Aber man kommt eigendlich nur selten dazi«, sich auf den
Höhen *» ergehen. Zu sehr fesselt die magisch, Auztehungokrast
dev Sees. Wie ist er doch so unbeschreiblich schön! Dev Morgens,
wenn der Tag errvacht und die Spitzen der Brenta tu»
Strahlenkub der Sonne erglühen, da liegt der See glatt wie
et« Spfagel. in dem sich faö Dörfchen, der Maid, die Wellen und

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Staats- en Universiteitsbibliotheek Carl von Ossietzky, Hamburg, Börsen-Halle (PPN borsen-halle), donderdag 1 oktober 1908, pagina 2




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